Diphtherie
Früher würde Diphtherie „Würgeengel der Kinder" genannt, denn diese bakterielle Infektion kann das Leben durch ein Zuschwellen der Atemwege bedrohen. 5−20 Prozent der Angesteckten ersticken. Nierenschäden, Lähmungen und Herzmuskelschädigung durch das Bakteriengift können auch auftreten. Diphtherie wird fallweise aus den osteuropäischen Ländern eingeschleppt (https://www.ecdc.europa.eu/en/diphtheria/surveillance-and-disease-data ). Daher ist lebenslang aufzufrischender Impfschutz nötig!
Die Impfung gegen Diphtherie ist im Gratisimpfprogramm für Kinder und Jugendliche enthalten.
Diphtherie im Detail
Erreger: Corynebacterium diphtheriae. Der Mensch ist der einzige Wirt für den Erreger. Zunehmend wird aber auch Corynebacterium ulcerans als Erreger der Rachendiphtherie und der Hautdiphtherie beschrieben.
Verbreitung: weltweit, in den letzten 15 Jahren epidemische Ausbrüche in den GUS-Staaten.
Inkubationszeit: weniger als 1 Woche, in der Regel 2 bis 6 Tage, bei primär toxischem Verlauf auch nur Stunden.
Ansteckungsrisiko bei Kontakt (Kontagionsindex): ca. 10−25 Prozent.
Infektionsquellen und Übertragung: Sekrete von Nase, Rachen, Haut, Auge, Wunden; indirekt auch durch infizierte Gegenstände.
Krankheitsbild: sehr unterschiedlich, man unterscheidet zwischen lokal beschränkten Formen (z. B. Nasen-, Rachen- oder Kehlkopfdiphtherie), fortschreitender Diphtherie (Entzündung der oberen Atemwege und Bronchien) und der toxischen Diphtherie (schwerste Form), die durch Herzversagen oder Zwerchfelllähmung auch tödlich enden kann.
Vorbeugung (Prophylaxe): Schutzimpfung mit Diphtherie-Toxoid-Impfstoff.
Die durchgemachte Diphtherie hinterlässt keine sichere Immunität. Neugeborene immuner Mütter sind nur wenige Wochen geschützt. Jeder Verdacht muss stationär aufgenommen werden, da die Elimination des zellgebundenen Toxins entscheidend ist und deshalb eine Antitoxinbehandlung sofort bzw. schnellstmöglich erfolgen muss.
Quellen: H. Kolleritsch und K. Möstl: Impfen 2004, Dr. Peter Müller Buch- und Kunstverlag GmbH, Wien 2004
Malinowski, W.: Impfungen in Österreich und anderen europäischen Ländern, Facultas Universitätsverlag, Wien 2005
Quast, U. et al.: Impfreaktionen, Hippokrates Verlag, Stuttgart 1997
DGPI Handbuch Infektionen bei Kindern und Jugendlichen, 6. Auflage, Thieme Verlag 2013
(Ergänzt und überarbeitet von Prof. Dr. Diether Spork und Dr. Andreas Trobisch)
Tetanus
Tetanus (Wundstarrkrampf) ist eine Infektion mit einer der höchsten Sterblichkeitsraten: 20–30 Prozent der Erkrankten sterben an Atemlähmung. Tetanus beginnt mit einer kleinen Verletzung („Bagatellverletzung“), z. B. durch Dornen und Splitter. Dabei wird die Wunde mit Straßenschmutz, Blumenerde, Exkrementen von Pferden, Schafen oder Kühen infiziert. Unter Luftabschluss (wenn z. B. ein Verband oder Pflaster aufgelegt wird) vermehren sich die Erreger und scheiden ihr tödliches Gift ab. Oft erst nach Wochen und Monaten, wenn die Wunde schon abgeheilt erscheint, erreicht es sein Ziel: das Zentralnervensystem. Es kommt zum Zelluntergang und zu Krämpfen und Lähmungen. Tetanus-Erreger sind auch wegen ihrer Widerstandsfähigkeit gegen Hitze und Desinfektionsmittel gefürchtet. Im Gewebe oder im Erdreich überleben sie Jahre, sofern kein Sonnenlicht an sie gelangt. Sicheren Schutz bietet die Tetanus-Impfung. Lebenslanges Auffrischen ist erforderlich, eine überstandene Erkrankung hinterlässt keine Immunität.
Die Impfung gegen Tetanus ist im Gratisimpfprogramm für Kinder und Jugendliche enthalten.
Mehr dazu: ECDC Europe: Tetanus Fakten und Daten
Tetanus im Detail
Erreger: Clostridium tetani (Bakterium). Die Erreger sind weltweit in der Umwelt (Erdreich) in ihrer Dauerform (Sporen) vorhanden.
Verbreitung: weltweit, nach WHO-Angaben sterben weltweit jährlich rd. 1 Mio. Menschen infolge einer Tetanusinfektion.
Inkubationszeit: wenige Tage bis mehrere Wochen, selten mehrere Monate (Spättetanus möglich).
Ansteckungsrisiko bei Kontakt (Kontagionsindex): nicht zu beziffern, da von Verletzungsart, Keimmenge und Toxinbildung abhängig.
Infektionsquellen und Übertragung: Übertragung durch Wundverunreinigung mit Bakterien-Sporen. Vorkommen in Erdreich, Staub, tierischen und menschlichen Ausscheidungen. Resistent gegen Hitze und gebräuchlichen Antiseptika, sie überleben in Geweben für Monate, im Erdreich Jahre, wenn nicht dem Sonnenlicht ausgesetzt.
Krankheitsbild: anfangs Reizbarkeit, Spannungsgefühl, Wund- und Kopfschmerzen, Fieber; später bei vollem Bewusstsein äußerst schmerzhafte Muskelkrämpfe, Atemlähmung und Herzstillstand. Die Letalität beträgt trotz Intensivmedizin 20-25%, bei Neugeborenen sogar deutlich höher.
Vorbeugung (Prophylaxe): Schutzimpfung mit Tetanus-Toxoid-Impfstoff (meist als Kombinationsimpfstoff).
Malinowski, W.: Impfungen in Österreich und anderen europäischen Ländern, Facultas Universitätsverlag, Wien 2005
Quast, U. et al.: Impfreaktionen, Hippokrates Verlag, Stuttgart 1997
DGPI Handbuch Infektionen bei Kindern und Jugendlichen, 6. Auflage, Thieme Verlag 2013
(Ergänzt und überarbeitet von Prof. Dr. Diether Spork und Dr. Andreas Trobisch)
Keuchhusten (Pertussis)
Pertussis (Keuchhusten) wird durch Keuchhustenbakterien hervorgerufen und führt zu heftigen, oft monatelang anhaltenden Hustenanfällen mit Atemnot. Pertussis ist eine weltweit vorkommende Tröpfcheninfektion, sie zirkuliert (häufig unerkannt) auch bei uns.
Vor allem für Säuglinge und Kleinkinder sind die Keuchhustenbakterien eine ernste Gefahr. Säuglinge erkranken deshalb sehr schwer, weil sie über keinen Nestschutz verfügen und bei ihnen statt der typischen heftigen Hustenanfälle Atemstillstand eintreten kann. Bei Kleinkindern wiederum begleiten Erstickungsanfälle den oft monatelangen Husten. Weitere Komplikationen können Mittelohr- oder Lungenentzündung sein. Im späteren Leben verläuft eine neuerliche Ansteckung sehr uncharakteristisch, ist aber auch sehr quälend und lang andauernd.
Nach der Keuchhustenimpfung sinkt der Antikörperspiegel im Lauf der Zeit gleich ab wie nach dem Durchleiden des Keuchhustens. Daraus ergibt sich ein zeitlich begrenzter Schutz. Der moderne Keuchhusten-Impfstoff ist azellulär (er enthält nur Teile und nicht den ganzen Erreger) und ist auch über das Kleinkindalter hinaus gut verträglich.
Daher: Lebenslang alle 5 Jahre den Keuchhustenimpfschutz auffrischen.
Die Impfung gegen Pertussis ist im Gratisimpfprogramm für Kinder und Jugendliche enthalten.
Mehr dazu: ECDC Europe: Pertussis, Faktencheck Keuchhusten (BM ASGK)
Pertussis im Detail
Erreger: Bordatella pertussis (Bakterium), selten: Bordatella parapertussis, Bordatella bronchoseptica.
Erregervorkommen: Mensch.
Verbreitung: weltweit
Inkubationszeit: 7 bis 10 (beschrieben Extreme: 5 bis 21) Tage, selten länger
Infektionsquellen und Übertragung: Tröpfcheninfektion, Vermehrung in den Atemwegsschleimhäuten.
Ansteckungsrisiko bei Kontakt (Kontagionsindex): bis zu 90% bei ungeimpften Kindern im selben Haushalt.
Krankheitsbild: Anfangs „grippale Beschwerden“ (Husten, Schnupfen, Rachenentzündungen, Fieber). Nach 1 bis 2 Wochen zunehmend typische stakkatoartige Hustenanfälle, häufig Erbrechen. Nicht seltene Komplikationen sind Bronchopneumonie (bakterielle Lungenentzündung), Mittelohrentzündung, Keuchhustenenzephalopathie, Apnoe (Atemstillstand).
Vorbeugung (Prophylaxe): Schutzimpfung mit Totimpfstoff (als Kombinationsimpfstoff). In Österreich wird nur mehr der azelluläre Pertussisimpfstoff (im Gegensatz zum bis 1993 verwendeten Ganzkeimimpfstoff) verwendet.
Das Durchmachen der Erkrankung hinterlässt keine lebenslange Immunität.
Selten wurde auch eine Kolonisierung geimpfter Personen mit Bordatella nach Kontakt mit erkrankten Patienten beobachtet.
Malinowski, W.: Impfungen in Österreich und anderen europäischen Ländern, Facultas Universitätsverlag, Wien 2005
Quast, U. et al.: Impfreaktionen, Hippokrates Verlag, Stuttgart 1997
DGPI Handbuch Infektionen bei Kindern und Jugendlichen, 6. Auflage, Thieme Verlag 2013
(Ergänzt und überarbeitet von Prof. Dr. Diether Spork und Dr. Andreas Trobisch)
Polio (Kinderlähmung)
Polio(-myelitis bzw. Kinderlähmung) wird meist fäko-oral (d. h. vom Stuhl über die Hände in den Mund) oder durch Haushaltskontakt übertragen. Polio verursacht bleibende Lähmungen bei Kindern und Erwachsenen. Das Virus wird in der Regel durch den Mund in den Körper aufgenommen und vermehrt sich anschließend im Darm. Auch eine aerogene Übertragung (über das Einatmen) ist möglich.
Über 90 Prozent der Erkrankungen verlaufen ohne Beschwerden. Bei ca. 5 Prozent treten Fieber, Kopf- und Halsschmerzen, Krankheitsgefühl, Erbrechen und Durchfälle auf (abortive Polio), manchmal auch in Verbindung mit Meningitis (Gehirnhautentzündung). Je nach Lebensalter treten in 0,1 bis 1 Prozent der Infektionen die typischen Symptome wie schlaffe Muskellähmungen, Hirnnervenausfälle, Krämpfe, Bewusstseinstrübungen auf.
In Österreich ist Polio durch das Impfprogramm bereits seit Jahren ausgerottet. Aber die Großeltern-Generation hat bis in die 60er Jahre Neuinfektionen von Kinderlähmung miterlebt. Damals blieben Schulfreund:innen plötzlich monatelang vom Unterricht fern und kamen im Rollstuhl oder stark gehbehindert zurück. Durch die moderne Reisefreiheit kann die Erkrankung aber auch heute noch insbesondere aus Ländern mit schlechten hygienischen Verhältnissen eingeschleppt werden. Außerdem konnte das Polio-Ausrottungsprogramm der WHO durch Kriegswirren vor allem im Nahen Osten (Syrien, Irak), in Afghanistan und in Zentralafrika nicht wie geplant umgesetzt werden.
Die Impfung gegen Polio ist im Gratisimpfprogramm für Kinder und Jugendliche enthalten.
Mehr dazu: https://polioeradication.org/about-polio/
Polio im Detail
Erreger: Polioviren (3 Serotypen).
Erregervorkommen: Mensch.
Verbreitung: ursprünglich weltweit, durch WHO-Ausrottungsprogramm nur mehr in Ländern, die von WHO Programmen noch nicht erreicht wurden (v. a. subtropische und tropische Länder Asiens und Afrikas). Gefahr der Einschleppung nach Österreich durch Reisende aus diesen Gegenden.
Inkubationszeit: 3 bis 14 Tage, bis zum Beginn der Paralyse (Lähmung) im Schnitt 11 bis 17 Tage.
Ansteckungsrisiko bei Kontakt (Kontagionsindex): nicht zu beziffern, da abhängig vom sozioökonomischen Standard der Bevölkerung
Infektionsquellen und Übertragung: meist Schmierinfektion (fäko-oral, Stuhl-Mund), aber auch aerogene Übertragung (Einatmen) möglich.
Krankheitsbild: über 90 Prozent der Infektionen verlaufen ohne Beschwerden. Bei ca. 5 Prozent treten Fieber, Kopf- und Halsschmerzen, Krankheitsgefühl, Erbrechen und Durchfälle auf (abortive Polio), manchmal auch in Verbindung mit Meningitis (Gehirnhautentzündung). Je nach Lebensalter treten in 0,1 bis 1 Prozent der Infektionen die typischen Symptome wie schlaffe Muskellähmungen, Hirnnervenausfälle, Krämpfe, Bewusstseinstrübungen auf. Lange Rekonvaleszenz (Rückbildung der Lähmungen); häufig aber Spätfolgen (bleibende Lähmungen, Wachstumsstörungen etc.). Post-Polio Syndrom: nach Jahrzehnten relativer Beschwerdefreiheit treten Muskelschwund, Ermüdungserscheinungen und Schmerzen auf.
Es gibt keine kausale Therapie, betroffene Patienten können nur symptomatisch behandelt werden.
Vorbeugung (Prophylaxe): Schutzimpfung mit Totimpfstoff (vorwiegend als Kombinationsimpfstoff).
Malinowski, W.: Impfungen in Österreich und anderen europäischen Ländern, Facultas Universitätsverlag, Wien 2005
Quast, U. et al.: Impfreaktionen, Hippokrates Verlag, Stuttgart 1997
DGPI Handbuch Infektionen bei Kindern und Jugendlichen, 6. Auflage, Thieme Verlag 2013
(Ergänzt und überarbeitet von Prof. Dr. Diether Spork und Dr. Andreas Trobisch)
Haemophilus Influenzae Typ B (HIB)
Haemophilus Influenzae Typ B (kurz: HIB) sind weltweit verbreitete Bakterien, die durch Tröpfcheninfektion übertragen werden. HIB ist in Ländern ohne Impfprogramm der häufigste bakterielle Erreger der eitrigen Hirnhautentzündung bei Kleinkindern und endet ohne Behandlung fast immer tödlich. Sogar wenn behandelt wird, bestehen noch bei rd. einem Viertel der Fälle bleibende Schäden wie Schwerhörigkeit oder psychomotorische Behinderung. Eine durch HIB hervorgerufene Epiglottitis (Entzündung des Kehlkopfdeckels) führt zu Erstickungsgefahr und muss unverzüglich intensivmedizinisch betreut werden. Die Infektion verläuft so rasant, dass nur wenige Stunden zwischen völliger Gesundheit und Lebensgefahr liegen. Denn die Erreger bleiben aufgrund ihrer Tarnung in einer Kapsel aus Polysacchariden relativ lange für das Abwehrsystem unsichtbar. Sie können sich in Ruhe vermehren und über das Blut verteilt wichtige Organe angreifen (siehe auch Pneumokokken und Meningokokken). Das Durchmachen der Erkrankung hinterlässt keinen adäquaten Immunschutz.
Seit die HIB-Impfung in das Gratisimpfprogramm aufgenommen wurde, kommt die HIB-Meningitis bei uns praktisch nicht mehr vor. Zuvor erkrankte jedes 400. Kind daran. Gelegentlich wird HIB jedoch bei noch gesunden Keimträgern nachgewiesen.
Die Impfung gegen Haemophilus Influenzae Typ B ist im Gratisimpfprogramm für Kinder und Jugendliche enthalten.
Mehr dazu unter: Haemophilus facts und data EDCD
Haemophilus infl. B im Detail
Erreger: Haemophilus influenzae Typ B (Stäbchenbakterien mit Polysaccharidkapsel)
Erregervorkommen: Mensch (ungeimpfte, gesunde Keimträger, derzeit max. 5 Prozent)
Verbreitung: weltweit
Inkubationszeit: sehr variabel, abhängig vom Krankheitsbild
Infektionsquellen und Übertragung: Tröpfcheninfektion
Krankheitsbild: sehr variabel, gefährdet sind vor allem Kinder unter 5 Jahren; Meningitis (Gehirnhautentzündung), Epiglottitis (Kehlkopfdeckelentzündung), Mastoiditis, Otitis Media (Mittelohrentzündung), Sinusitis (Nebenhöhlenentzündung), Konjunktivitis (Bindehautentzündung), Pneumonie (Lungenentzündung), septische Arthritis (Gelenksentzündung), Pericarditis (Herzbeutelentzündung), präpubertal auch Vulvovaginitis (Scheidenentzündung), Empyeme, Phlegmonen, Abszesse, Osteomyelitis (Knochenentzündungen), Cellulitis (Unterhautgewebsentzündung) oder Sepsis (Blutvergiftung) mit den entsprechenden möglichen Komplikationen.
Vorbeugung (Prophylaxe): Schutzimpfung mit Konjugatimpfstoff (als Kombinationsimpfstoff).
Quellen: H. Kolleritsch und K. Möstl: Impfen 2004, Dr. Peter Müller Buch- und Kunstverlag GmbH, Wien 2004
Malinowski, W.: Impfungen in Österreich und anderen europäischen Ländern, Facultas Universitätsverlag, Wien 2005
Quast, U. et al.: Impfreaktionen, Hippokrates Verlag, Stuttgart 1997
DGPI Handbuch Infektionen bei Kindern und Jugendlichen, 6. Auflage, Thieme Verlag 2013
(Ergänzt und überarbeitet von Prof. Dr. Diether Spork und Dr. Andreas Trobisch)
